Nachbericht Vortrag Bärbel Wardetzki Februar 2016

Webgrrls-Regioabend am Donnerstag, 11. Februar 2016: Bärbel Wardetzki über den klugen Umgang mit Narzisten

Kennen Sie das? Sie legen sich ins Zeug, engagieren sich in dem aktuellen Leuchtturm-Projekt, finden in letzter Minute einen gefährlichen Fehler in der Vorstandspräsentation, akquirieren den größten Neukunden S… und der Dank? Runter geputzt werden, spitze Bemerkungen für Nebensächlichkeiten vor versammelter Mannschaft, cholerische Ausbrüche fünf Minuten vor Deadline, Desinteresse an anderen. Er dominiert jede Besprechung und reagiert ausfallend auf jeden noch so gut gemeinten Einwand. Und in offizieller Runde heftet er (ja, meistens er) sich Ihre Leistung ans Revers. Strahlt in die Runde und sonnt sich im Beifall.

Sie kennen so jemanden? Sehr wahrscheinlich. Chefs oder Kollegen (seltener, aber es gibt auch -innen), die nach diesem Muster ticken, nennt man Blender. Charismatische Figuren – visionär, eloquent, mitreißend – überstrahlen sie alles um sich, sind oft einnehmend und verstehen es, andere zu begeistern. Leider sind sie nicht teamfähig und im zwischenmenschlichen Umgang oft unerträglich. Die große Frage: Wie damit leben? Wie gehen wir damit um?

Rund 70 Webgrrls und Gäste hörten beim letzten webgrrls-Regioabend am 11. Februar 2016 im vollbesetzten Auditorium des Arbeits(t)raum gespannt zu, wie die renommierte Diplompsychologin und Buchautorin Dr. Bärbel Wardetzki Wege zeigte, mit solchen Menschen zurecht zu kommen. Denn sie sind überall: Unsere Gesellschaft belohnt und begünstigt narzisstische Verhaltensmuster. Und so begegnet man dem Typus immer wieder – auch weil sich typische Konstellationen von Narzissten und Co-Narzissten wiederholen, deren Beziehungsdynamik nach stets ähnlichem Mustern abläuft. Deshalb rät Bärbel Wardetzki dazu, Blender nicht als persönliche Feinde, sondern als Sparringspartner für die persönliche Weiterentwicklung zu sehen.

Die Sucht nach Bestätigung

„Narzissmus“ ist erst einmal neutral: Es geht um Selbstwert und Selbstliebe. Bei Blendern überstrahlt und verbirgt übersteigerter (eigentlich: defizitärer) Narzissmus einen tief empfundenen Mangel an Selbstliebe und existenzielle Angst vor Selbstverlust. Betroffene erleben deshalb Stärken und Erfolge anderer als Bedrohung; jegliche Kritik wird als feindlich empfunden und „bestraft“. Ihr Weltbild beruht auf Wertung, denn nur Beifall und Bewunderung für seine Grandiosität versichern das ängstliche, zweifelnde Ich seiner Existenzberechtigung und seines Wertes. Äußert sich männlicher Narzissmus oft in Selbstüberschätzung bis zum Realitätsverlust (wie sich an manchen prominenten Wirtschaftsführern studieren lässt), gibt es ein weibliches narzistisches Muster, das (oft verkleidet als aufopfernder Dienst) andere zur eigenen Bestätigung instrumentalisiert – Frauen den Partner oder Mütter die Tochter, wie Schneewittchens Mutter im Märchen: In jedem Fall wird der andere statt als Gegenüber als „erweiterter Teil“ des eigenen Ich (expanded self) annektiert. Defizitäre Narzisten (egal welchen Geschlechts) sind beziehungsunfähig; sie kennen nur Kampf oder Unterwerfung, übergroße Bewunderung oder destruktive Abwertung. Deshalb ist im Umgang mit solchen Menschen unsere Beziehungsfähigkeit besonders gefragt.

Abstand gewinnen

Um das Muster aus Abwertung, Kränkung und Rache zu durchbrechen, brauchen wir inneren Abstand und Reflexion: Worum geht es? Und worum geht es mir? Was ist meine Position, mein Ziel? Von einem Narzisten Lob zu wollen, ist sinnlos; besser wir klären, wie wir für unsere Selbstbestätigung sorgen. In einer akuten Situation sind wir gut beraten, Eskalation zu vermeiden und Emotionen nicht auszuagieren; statt sich in die emotionale Verstrickung ziehen zu lassen, gewinnen wir besser Abstand: Denn der Konflikt mit Narzisten konfrontiert uns mit unseren eigenen Zweifeln und Ängsten.

Zuwenden statt sich abhängig zu machen

Deshalb ist gilt es, sich den eigenen Stärken und Ressourcen zuzuwenden, sich des eigenen Selbstwerts zu versichern. Je unabhängiger wir von äußerer Bestätigung sind, desto besser kommen wir mit Narzisten klar. Dann kann es uns gelingen, aus der Spirale aus Kränkung und Abwertung herauszutreten. Aus der inneren Distanz können wir erkennen, was der andere zur Stärkung seines Selbstwerts sucht: Statt zu fragen „Was kann ich tun, um dem anderen zu gefallen?“ können wir schauen: „Was braucht der andere jetzt von mir?“

Narzistische Muster tauchen in vielen Beziehungen auf, und oft können wir entscheiden, ob wir mitspielen oder nicht. Mit Scharfsinn und Humor zeigte Bärbel Wardetzki die typischen Beziehungsdynamiken auf, die uns das Leben schwer machen. Den Blick dafür zu schärfen macht uns stärker und klüger; Wardetzkis Bücher bieten dafür spannenden Stoff (zum Beispiel das „Drama-Dreieck“) und anschauliche Beispiele.

Dr. phil. Bärbel Wardetzki, M.A. ist Diplom-Psychologin und arbeitet als Psychotherapeutin und Autorin in München. Sie hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland und gibt regelmäßig Interviews für Zeitungen und im Rundfunk. Ihre wichtigsten Veröffentlichungen: „Weiblicher Narzissmus“, „Kränkung am Arbeitsplatz“, „Nimm’s bitte nicht persönlich“, „Eitle Liebe“ „Souverän und selbstbewusst“, „Blender im Job“.

baerbel-wardetzki.de

Bericht: Barbara Maria Zollner –  www.zinnober-abc.com